Gütersloher Straße: Vier Verkehrstote in drei Jahren

Vier ‚schwarze Männer‘ erinnern seit Freitag, 29. Juni, entlang der Gütersloher Straße in Pixel an vier Verkehrstote auf diesem Abschnitt. Thomas Kuhlbusch, Dezernent Gesundheit, Ordnung und Recht, Polizeihauptkommissar Michael Orzel und Bernhard Riepe, Sachgebietsleiter Verkehrslenkung, stellten die Silhouetten auf. Foto: Kreis Gütersloh

Vier Verkehrstote in drei Jahren und viele Raser. Schwarze Männer mahnen Fahrer.

Mit 147 Stundenkilometern raste im Januar ein Mercedesfahrer über die Gütersloher Straße in Pixel (Herzebrock-Clarholz) durch die 70er-Zone. Ausgerechnet dort, könnte man sagen, wenn man sich das Unfallgeschehen auf der Gütersloher Straße ins Gedächtnis ruft. Vier schwere Unfälle in den beiden vergangenen Jahren mit vier Todesopfern haben sich dort auf einem rund 600 Meter langen Abschnitt ereignet. Jetzt haben der Kreis Gütersloh, die Polizei und die Verkehrswacht an der Landesstraße ‚schwarze Männer‘ aufgestellt, um die Verkehrsteilnehmer zum Nachdenken zu bringen. Die vier schwarzen, lebensgroßen Silhouetten tragen eine vierstellige Zahl auf der Brust – die Geburtsjahrgänge der vier Toten.

Am Freitag, 29. Juni, wurden die vier ‚schwarzen Männer‘ aufgestellt. Dabei belassen es die Beteiligten jedoch nicht. „Um die Unfallgefahr durch zu hohes Tempo zu verringern werden die Polizei und wir hier zudem verstärkt die Geschwindigkeit kontrollieren – häufiger noch als in der Vergangenheit ohnehin schon.“, kündigte Thomas Kuhlbusch, Dezernent Gesundheit, Ordnung und Recht, an. Bereits am Morgen war genau dies der Fall. „Mit Appellen an die Vernunft kommen wir allein nicht weiter“, unterstreicht Polizeihauptkommissar Michael Orzel. „Die Autofahrer nehmen die Gefahr nicht wahr.“ Querende Fahrzeuge waren an zwei Unfällen beteiligt. Zudem scheine die gut ausgebaute und breite Straße bestimmte Fahrer zum Rasen zu animieren. Die ‚schwarzen Männer‘ sollen die Autofahrer zum Innehalten bewegen. Sie sollen zum Nachdenken anregen. Weswegen stehen die hier? Was bedeuten die Jahreszahlen? Kuhlbusch: „Wenn wir mit den vier Silhouetten auf diese schweren, tödlichen Unfälle hinweisen, überdenken die Auto- und Motorradfahrer hoffentlich ihr eigenes Verhalten am Lenkrad oder Lenker. Dann sind wir ein kleines Stück weiter.“ Fahrer wie den des Mercedes aus dem vergangenen Januar, der auf dem Blitzerfoto gut zu erkennen war, wird man kaum erreichen. Doppelt so schnell wie erlaubt? Da geht der Gesetzgeber von Vorsatz aus, die Geldbuße verdoppelt sich. Drei Monate Fahrverbot, 1.200 Euro Geldbuße und zwei Punkte in Flensburg. Leider kein Einzelfall: An diesem Freitagmorgen registrierte der Kreis Gütersloh in den drei Stunden, bevor die ‚schwarzen Männer‘ aufgestellt worden sind, 80 Tempoverstöße. Unrühmlich gleich zwei Spitzenreiter mit 144 und 116 Stundenkilometer in der 70er-Zone.

Der Mercedesfahrer wurde mit 147 Stundenkilometern in der 70er-Zone auf der Gütersloher Straße geblitzt. Am Morgen des 29. Junis fuhr einer mit 144 Stundenkilometern und wurde exakt an der gleichen Stelle geblitzt. Foto: Kreis Gütersloh

Die schweren Unfälle der jüngeren Zeit auf der ‚Unfallhäufungslinie‘ – von der spricht man anstatt von Unfallhäufungspunkt, weil sich die Unfälle auf einem Abschnitt von mehreren hundert Metern ereignet haben:

April 2016 – ein Motorradfahrer verunglückt tödlich. Er war laut Zeugenaussagen mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit unterwegs, als er mit einen Auto kollidiert, dass die Gütersloher Straße queren wollte.

Juni 2017 – ein Motorradfahrer verliert in der leichten Kurve Richtung Herzebrock-Clarholz nach einem Überholvorgang die Kontrolle über seine Maschine und kommt links von der Fahrbahn ab.

Dezember 2017: Nach einem Überholmanöver verliert der Fahrer eines Ford Focus‘ die Kontrolle über den Wagen, der landet senkrecht mit dem Dach gegen zwei Bäume – er und seine Beifahrerin sterben. Orzel: „Wir haben mit allen Angehörigen gesprochen, bevor wir die Aktion hier geplant haben. Schließlich sind das auch Gedenkstätten für die Familien.“ Keiner hatte etwas dagegen, dass in unmittelbarer Nähe zu den Gedenkstätten jetzt die schwarzen Männer an die Unfälle erinnern. Der Vater des jungen Motorradfahrers, der 2016 hier starb, beteiligt sich sogar an den Crash-Kursen. Bei diesen Veranstaltungen in Berufskollegs und Schulen reden unter anderem Angehörige über ihren Verlust.

Einen weiterer schwerer Unfall, der sich im März 2018 ereignete, ging zum Glück glimpflicher aus: Ein Postauto quert die Gütersloher Straße, der Fahrer ignorierte das Stoppschild. Es kam zu einem Zusammenstoß mit einem Pkw, es gab mehrere Verletzte. Geschwindigkeit und falsches Abbiegen beziehungsweise queren der Straße machen den Abschnitt der Gütersloher Straße gefährlich.

Zwar zeigen die vorab im Juni gemachten 24-Stundenmessungen, dass sich die meisten Fahrer korrekt verhalten. 9.420 Fahrzeuge wurden gemessen. Aber es gibt viele Ausreißer. Fahrtrichtung Herzebrock-Clarholz sind es 23 Prozent, die mehr als 11 Stundenkilometer zu schnell sind, Fahrtrichtung Gütersloh 17 Prozent – viele mit 100 und mehr Sachen auf dem Tacho.

Zum Thema ‚schwarzer Mann‘

In Südfrankreich ist es verbreitet, dass die Polizei mit solchen Silhouetten am Straßenrand die Autofahrer zur Vorsicht mahnt – überall dort, wo ein tödlicher Unfall passierte. Der Arbeitskreis Verkehrssicherheit, an dem Kreis, Polizei und Verkehrswacht beteiligt sind, griff die Idee von elf Jahren auf und stellte damals erstmals die Silhouetten auf. Die Modelle wurden inzwischen qualitativ stark verbessert.

Zum Thema: Crash-Kurs NRW

Crash Kurs NRW ist eine Kampagne der Polizei in Nordrhein-Westfalen, die sich speziell an Schülerinnen und Schüler in den 10. und 11. Klassen in weiterführenden Schulen sowie Berufskollegs richtet. Ziel ist es, die Zahl von Verkehrsunfällen – vor allem solche mit jugendlichen Beteiligten –– nachhaltig zu senken. Was ist das besondere an Crash Kurs? Kaum eine Präventionsprogramm ist so drastisch und direkt. Es braucht verschiedene Ansätze, um verschiedene Typen zu erreichen, spätestens Crash Kurs lässt niemanden mehr kalt. Vor allem prägen die Beteiligten den einzigartigen Charakter: Sie waren dabei, ihre Geschichte ist echt. Das Projekt besteht aus einem eng zusammenarbeitenden Team von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten, Notfallseelsorge und Angehörigen der Unfallopfer. Auf Schauspieler wird dabei verzichtet, die Erfahrungsberichte der Betroffenen, die Fotos, Röntgenbilder und Videos sind authentisch. Das schockiert und trifft einen vor allem emotional. Wem das zu nah geht, der kann den Raum kurz verlassen. Crash Kurs ist schonungslos offen und macht auch dem letzten klar: „Mein Leben ist verwundbar.“