Leserbrief: „Offener Brief an den Rat der Gemeinde Herzebrock-Clarholz“

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Leserbrief von Lothar Schäfer, Herzebrock-Clarholz.

Offener Brief an den Rat der Gemeinde Herzebrock-Clarholz

„Sehr geehrte Ratsdamen und Ratsherren,

Sie haben meinen Antrag zur Ausrufung des Klimanotstands ausführlich beraten. Dafür bin ich Ihnen dankbar. Sie haben entschieden, dem Antrag nicht zu folgen, haben das Thema aber an den Bau- und Umweltausschuss verwiesen. Und Sie haben den Willen zur Anstellung einer/s Klimaschutzmanager*in unterstrichen. Das lässt die ZUversicht keimen, dass die klima- und umweltpolitischen Fragen auf der Tagesordnung bleiben.

Auch darum möchte ich vertiefend auf die Thematik einzugehen.
Ich verstehe den Begriff „Klimanotstand“ nicht als Panikmache sondern als terminus technicus, also als Fachbegriff, der mit einem bestimmten Verfahren verbunden ist. Wesentlich bei diesem Verfahren ist, dass alle Entscheidungen des Rates und seiner Ausschüsse im Vorfeld auf ihre Auswirkungen auf das Klima, und damit auf ihre Auswirkungen in der Zukunft zu beschreiben sind. Mit der Folge, dass eine präzisere Abwägung der Entscheidungsgegenstände möglich und auch erforderlich wird. Darauf verzichten Sie, weil Sie keinen -faktischen- Klimanotstand feststellen können. Unabhängig davon, dass das die nicht mehr oder kaum noch vorhandenen Vögel wie z.B. Lerchen, Feldhühner und Kibitze, die dezimierten Insekten, die zahlreichen verschwundenen Wildkräuter, und sicherlich auch eine Reihe weiterer Bürger deutlich anders beurteilen, verzichten Sie auf die Verwendung eines wichtigen Instruments der kommunalpolitischen Steuerung. Ferner lässt sich fragen, ob denn ihre Kolleginnen und Kollegen in den Stadt- und Gemeinderäten, die den Klimanotstand erklärt oder zumindest eine klimapolitische Steuerung beschlossen haben (s. Harsewinkel), weniger klug und umsichtig handeln.

Eine wesentliche Frage ist doch, mit welchem Recht wir, die heute handelnde und entscheidende Generation, unseren Kindern und Enkeln die Vielfalt der natürlichen Umwelt, also z.B. singende Vogelvielfalt und blühende Flächen mit einer Vielzahl von Schmetterlingen, Bienen und anderen Insekten vorenthalten, weil wir heute nichts oder nicht genug ändern wollen. Oder haben unsere nachfolgenden Generationen auch das Recht auf gute Lebensgrundlagen und ökologische Vielfalt? Wenn JA, müssen wir nicht heute -mit dem Wissen unbestreitbarer wissenschaftlicher Erkenntnisse hinsichtlich der weiteren Entwicklungen des Klimas- alles daran setzen, dass dieses Recht eingelöst werden kann? Und haben unsere Kinder und Kindeskinder nicht auch das Recht, vor klimabedingten Wetterkapriolen, vor ansteigendem Meeresspiegel und schmelzenden Polen mit unberechenbaren Folgen verschont zu werden? Können wir uns für das Umsteuern noch Zeit lassen? Muss nicht an die Stelle des Strukturkonservatismus und Abwartens ein ständiges Bemühen um Versöhnung von Ökonomie und Ökologie treten? Und ja, sind dann nicht auch dreißig Jahre alte Pläne für eine neue überregionale Verbindungsstraße a la B 64n -als nicht primär Ortskern entlastende Umgehungsstraße- in ihren Dimenionen und Auswirkungen neu zu bewerten?
Die Menschen sollen motiviert werden, sich im Alltag klimafreundlich zu verhalten. Das ist nur zu begrüßen. Aber auch dafür ist ein politsch gefasster Handlungsrahmen mehr als sinnvoll, von z.B. Bildungsangeboten für zukunftsweisendes Alltagshandeln über Anreize für den öffentlichen Personennahverkehr bis hin zu Null Toleranz (= hohe Strafen) bei wilder Müllentsorgung. Also, wo fangen wir wann an, ohne und mit Klimaschutzmanager*in? Auch Sie verstehen den Hinweis auf den 2011 verliehenen European Energy Award sicherlich nicht als Aufforderung, sich auszuruhen, sondern als Anreiz, mehr zu tun; gemäß dem Motto: Global denken und lokal handeln.

Einer der größten deutschen Universalgelehrten Alexander von Humboldt hat vor mehr als 200 Jahren schon wissenschaftlich nachgewiesen, dass auf der Erde alles mit allem in Verbindung steht und sich alles Leben in Wechselwirkung befindet (s. u.a. „National Geographic“, Juli 2019 S. 38ff). Schon damals warnte er eindringlich vor der Zerstörung der natürlichen Umwelt und deren Folgen. Er sah die Erde als einen lebendigen Mechanismus. Die Welt und ihre Bioshäre sollten wie ein Lebewesen betrachtet werden. Während er 1869 anlässlich seines hundertsten Geburtstags buchstäblich in der ganzen Welt als bahnbrechender Wissenschaftler gefeiert wurde, entwickelte sich in den Folgejahrzehnten an Stelle seiner Erkenntnisse die Technikgläubigkeit, der auch unsere Generation noch zutiefst verhaftet ist, und die die Erde ins Wanken gebracht hat. Die Folgen kennen und erkennen wir, und wissen inzwischen, dass wir eine lebenswerte Zukunft unserer Kinder und Enkel brutal gefährden, wenn wir so weiter machen wie bisher. Wir müssen den jungen Menschen von „Fridays For Future“ dankbar für den ultimativen Weckruf sein. Er muss zu einem Weckruf werden, der gerade auch die kommunalpolitschen Entscheidungen in einen neuen Kontext stellt. Etwa mit der Kontrollfrage: Welche heutigen Entscheidungen sind auch noch in den Augen unserer Nachfolgegenerationen gut und zukunftsweisend? Darum wünsche ich mir und den Bewohner*innen dieser lebenswerten Kommune von Ihnen als verantwortliche Kommunalpolitiker/innen -auch anlässlich des 250sten Geburtstags Alexander von Humboldts- Weitsicht und Mut, zu auch vielleicht unpopulärem Denken und Entscheidungen. Auch deshalb, damit die in 40 Jahren in Herzebrock-Clarholz lebenden Bürger*innen und Verantwortungsträger*innen anerkennend feststellen, dass ihre politischen Ahnen erkenntnisreich und richtungsweisend entschieden haben; mit einem ganzheitlichen Ansatz, wie Bürgermeister Diethelm betont.“

 

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