Kolumne: Ein Kölner in Ostwestfalen

Kolumne: Herzebrock-Clarholz – ein Kölner in Ostwestfalen

Autor: Daniel Biniasch (InstagramE-Mail)

Ich bin mir sicher, dass die meister Leser dieser Zeilen aus dem wundervollen Herzebrock-Clarholz stammen, hier seit ihrer Geburt leben und mit allen Bräuchen und Gepflogenheiten dieser Gemeinde vertraut sind. Viele haben einen klaren Blick auf diese Gemeinde. Was macht Herzebrock-Clarholz aus? Für was steht Herzebrock-Clarholz? Wie tickt Herzebrock-Clarholz?

Ich möchte Euch auf eine andere Sicht der Dinge mit einem kleinen Text entführen. Wie sieht es eigentlich aus, wenn Jemand von außerhalb in diese Gemeinde zieht? Wie groß sind die Unterschiede zu andern Städten oder Gemeinden? Und ich rede jetzt nicht von Harsewinkel oder Marienfeld.

Ich bin im Jahre 2017 von Köln nach Herzebrock gezogen. Die Motivation dahinter war, wie so oft bei solch weit entfernten Umzügen, die Liebe. Als Rheinländer nach Ostwestfalen – klingt interessant. Und für mich persönlich war dies auch eine wirklich anspruchsvolle Aufgabe.

Generell – es ist interessant, wie unterschiedlich Menschen in ein und demselben Land sein können. Man kann einen Münchener nicht mit einem Hamburger vergleichen. Einen Breisgauer nicht mit einem Berliner. Die Art der Menschen ist unterschiedlich – und das teilweise wirklich enorm. Man sieht es ja schon an den politischen Strukturen. Ist in OWL die Mehrheit schwarz, so regiert in Berlin rot/grün. Kann man sich als Herzebrock-Clarholzer vorstellen, dass es hier einen grünen Bürgermeister geben würde? Oder die AfD zweitstärkste Kraft wird? Undenkbar!

Politik ist die eine Sache. Wie man sich als Mensch gibt eine ganz andere. Ich als Rheinländer war es gewohnt das zu sagen was ich denke. Ein Gesprächspartner genoss von vornherein eine Art „Vertrauensvorschuss“. Man quatsche drauf los, man trank zusammen ein Bier. Man lenkte das Gespräch auf Dinge, über die doch eigentlich jeder gerne redet. Wir Männer von Fußball, Frauen über Klamotten. Unabhängig davon ob man sich irgendwann einmal wiedersieht – man hat eine gute Zeit zusammen. Klar… als Kölner mag man auf Anhieb keine Düsseldorfer. Traditionelle Kleinkriege, auch wenn die Meisten es natürlich mit Humor nehmen, hat man doch in jeder Region. Oder?

Ich als frischer Herzebrocker musste mir vom ersten Tag an anhören, dass ich doch auf „der falschen Seite“ wohne. Eine „Schäl Sick“ in einem Dorf? Wir Kölner sprechen von der Schäl Sick, wenn jemand auf der anderen (und natürlich falschen) Rheinseite wohnt. Und nun? Falsche Seite in Herzebrock? Wo ist hier bitte ein Fluss? Achso, man meint tatsächlich die Bahnstrecke entlang der B64 als Trennung? Natürlich war dies auch als Spaß gemeint. Aber wir alle wissen ja – in jedem Spaß steckt vielleicht doch ein bisschen Ernsthaftigkeit? Gleichzeitig habe ich aber auch erfahren, dass es mich hätte schlimmer treffen können. Schließlich hätte ich ja auch in Clarholz wohnen können. DAS würde natürlich gar nicht gehen. .. Doch, es fühlte sich ein bisschen heimisch an. Die „Schäl Sick“ von Herzebrock war südlich der B64 (über die man als Pendler ein Buch schreiben könnte). Und die, die gar nicht gehen, wohnen in Clarholz. Wie bei uns in Köln diese komischen Düsseldorfer. Spaßige und örtliche Nickligkeiten – nun im Dorfmaßstab. Super! Sagt man eigentlich auch in Clarholz, dass die Herzebrocker komisch sind? Würde mich persönlich mal interessieren. Und wirklich! Die Clarholzer die ich kenne, es sind wirklich nicht viele, sind alle nett!

Ich glaube kaum, dass es innerhalb Deutschlands größere Unterschiede gibt wie vom Rheinländer zum Ostwestfalen. Trotz des selben Bundeslandes NRW. Auf dem ersten Blick ist der Rheinländer auf Anhieb tolerant, weltoffen und unterhaltsam. „Jede Jeck es anders“ ist nur eines von vielen kölschen Sprüchen, die die allgemeine Kultur der Rheinländer wiederspiegelt. Und wenn sich mal wieder einer daneben benimmt? Dann sagen wir einfach „Jet jeck simma all“. Meine ersten Begegnungen mit Menschen aus Herzebrock waren anders. Man durfte erst einmal nicht zu viel von sich preisgeben. Einfach drauf los plappern geht auch überhaupt nicht. Private Dinge beim ersten Treffen erzählen? Um Gottes Willen! Meine Integration dauert bis heute an. Und ich habe mehr als ein Dutzend Fettnäpfchen mitgenommen. Zu schnell zu viel gesagt. Ein leichter Schubs von der Partnerin mit den Ellenbogen in die Seite erinnerte mich an die anderen Gepflogenheiten. An die hier richtigen Gepflogenheiten. Als wir einmal auf einem Geburtstag eingeladen wurden, und ich mich nach 2-3 Bier wieder mehr an die rheinländische als an die ostwestliche Gesprächskultur hielt, so hallte es durch den Garten: „Du wirst nie ein richtiger Ostwestfale“. Lustig verpackt. Natürlich. Mein erster spöttischer Gedanke? „Gott sei dank!“. Und trotzdem fühlte ich mich in dem Moment ein bisschen ausgeschlossen.

Apropos Garten – gegrillt wird in Herzebrock bevorzugt mit Gas. Ich kenne wirklich Niemanden hier, der mit Kohle grillt. Vorschläge meinerseits, doch mal einen Kohlegrill anzuschmeißen, wurden müde belächelt. Sagt mal einem Kölner, dass er auf den Rheinwiesen seinen Gasgrill auspacken soll. Das wirst du vom Hof gejagt – mindestens bis nach Düsseldorf! Irgendwann ist ja auch mal gut mit Toleranz. Selbst in Kölle.

Trotz der Unterschiede – wir haben tatsächlich Gemeinsamkeiten. Getrunken wird gerne und viel. Und auch wenn der Rheinländer schon nüchtern gerne und viel über sein Leben plaudert, so kommt auch irgendwann der Ostwestfale aus seiner Zurückhaltung hervor und lässt tiefer blicken als ein „Alles Gut!“. Auch verbindet uns König Fußball. Die Alm ist hier heilig. Wir Kölner haben eben einen Geißbock. Das Bier ist drüben wie hier hell. Auch wenn Kölsch natürlich besser schmeckt als Pils – darüber müssen wir nun wirklich nicht streiten.
Wir Kölner haben den Karneval. Traditionen werden hier ebenfalls groß geschrieben. Auf einer Kirmes in der Gemeinde sollte man sich als heimischer Bürger schon blicken lassen. Und wehe du kommst nicht zum Affentennis, dann musst du dir die nächsten Tage eh was anhören.

Was mich an Ostwestfalen beeindruckt? Speziell auch an Herzebrock-Clarholz? Dieser tolle Mittelstand. Wer hier keine Arbeit findet, der hat auch keine Lust zu arbeiten. Viele gesunde Firmen. Innovativ, zielstrebig. Mit vielen fleißigen Menschen vor Ort. Wohlstand überall sichtbar. Es ist wirklich toll hier in Herzebrock-Clarholz, und ich bereue zu keiner Sekunde hier wohnen zu dürfen.

Inzwischen wohne ich sogar auf der richtigen Seite. Und man glaubt es kaum – meine Integration schreitet voran. Ich habe gelernt nicht direkt zu viel erzählen. Und wenn der ostwestfälische Gesprächspartner mit verschränkten Armen erstmal nicht so viel zu einer Unterhaltung beiträgt, so mag er dich wahrscheinlich trotzdem. Wenn du ihm nicht zu viel plapperst. Und wenn es heißt: „Drenk doch ene mit!“, dann sagt ein Ostwestfale auch selten „Nein!“.