Leserbrief: “Straßen.NRW und die Corona-Krise”

Leserbrief von Hans-Bernhard Weißerth, Herzebrock-Clarholz

Straßen.NRW und die Corona-Krise

Unglaublich! – was man als Bürger in diesem Land in den letzten Wochen und Tagen so zu hören bekommt. Nein, nein – ich meine nicht das, an was wir derzeit alle jetzt unmittelbar denken: die Zahlen der Infizierten, der Verstorbenen, der Millionen von Kurzarbeitern oder die immense Höhe des Nachtragshaushalts unseres Bundes-Finanzministers. Ja, all das war bis vor wenigen Wochen unvorstellbar und unglaublich. Aber das meine ich jetzt mal nicht. Unglaublich! – das sind für mich einige andere Nachrichten vor dem Hintergrund dieser immensen Corona-Krise.
Da ist zum Beispiel der Arbeitslohn von Menschen, die – nicht erst durch die Krise – erwiesenermaßen systemrelevant für die Gesundheit und das Wohlergehen einer ganzen Gesellschaft sind. Mit einer einmaligen Bonuszahlung und kostenlosem Essen in der Kantine werden sie im wahrsten Sinne des Wortes „abgespeist“.
Da sind aber noch andere Nachrichten, die angesichts der Corona-Krise auf den ersten Blick eher recht banal anmuten; sind sie auf den zweiten Blick keineswegs. Zum Beispiel: Straßen NRW geht zur Bundesstraße 64 in die Erklär-Offensive. Den Diskussionen und Protesten zur Ost-Münsterland-Verbindung begegnet die Behörde mit einer eigenen Infozeitung an die Haushalte in Herzebrock-Clarholz.
Es ist für mich unglaublich, was da passiert. In einer zu unseren Lebzeiten bisher noch nie dagewesenen Krise haben wohl einige den „Schuss“ immer noch nicht gehört und gehen von einem „Immer-Weiter-So“ aus.
Dreistellige Millionenbeträge für ein Straßenprojekt ausgeben zu wollen, dessen Ursprung auf die 60er Jahre zurückgeht, dessen im Jahre 2020 (!) geplante Ausführung und der daraus resultierende Nutzen mehr als zweifelhaft sind, kann nur ein „No-Go“ sein.
Ein solch zweifelhaftes Projekt gleichzeitig während einer nie dagewesenen Krise kostenträchtig auch noch mit einer Infozeitung zu bewerben, halte ich für schamlos. Ich frage mich, wie es den vielen Mitbürgern gehen muss, die derzeit um ihre Existenz und Zukunft ringen müssen, die dringend auf finanzielle Hilfe und Unterstützung hoffen, und denen diese Tage die angekündigte Infozeitung in ihre Briefkästen flattert. Für mich zerstört ein solches Vorgehen mein Vertrauen in unsere administrative und auch unsere politische Führung.
Auch wenn ich Gefahr laufe, mir vielleicht „wüste“ Beschimpfungen einzuhandeln, kann ich mir eine letzte Anmerkung nicht verkneifen: unsere politische Führung in NRW sollte endlich einmal unter Beweis stellen, dass sie nicht nur beim „Masken aufsetzen“ schnell lernfähig ist, sondern auch in der politischen Prioritätensetzung in Zeiten einer fundamentalen Krise, die uns allen, hier und jetzt, und noch die nächsten Jahre viel abverlangen wird. Eine politische Führung mit Ambitionen auf der Bundesebene sollte dazu erst recht in der Lage sein – und entsprechend sicht- und hörbar für den Bürger handeln!
Meine Forderung an die politisch Verantwortlichen in NRW, Ministerpräsident Laschet und Verkehrsminister Wüst, lautet: stoppt die Planung von wenig sinnvollen Infrastrukturprojekten, konzentriert Euch auf die wirklich Wichtigen – davon gibt es genug (siehe letzte Meldungen über den Zustand der Eisenbahnbrücken, auch in NRW) – und selbst für diese werden angesichts der Krisenbewältigung in den kommenden Jahren die Finanzmittel nicht immer reichen.

 

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