Was wäre, wenn…?

Liebe Leserinnen, lieber Leser,

ich bin Anna-Lena, 18 Jahre alt und komme aus Herzebrock-Clarholz. Im Januar 2019 bekam ich die Diagnose „gutartiger Hirntumor“. Oder wie ich ihn auch nenne: meinen Dachschaden.

Durch die Diagnose hat sich mein Leben stark ins Positive verändert. Ich bin positiver, glücklicher und zufriedener geworden. Grund dafür ist meine Lebenseinstellung. In den vergangenen Monaten habe ich angefangen mein erstes Buch zu schreiben. In „Mein Leben mit einem Dachschaden“ nehme ich dich mit durch meinen Alltag und wie sich dieser verändert hat.

Immer öfter kamen mir Fragen wie „Was wäre, wenn…?“ in den Kopf. Also habe ich dazu einen Text geschrieben und möchte diesen nun mit Euch teilen.

Das Leben ist immer schön, ganz gleich, was uns auch passiert. Ganz allein unsere Denkweisen entscheiden, ob wir etwas gut oder schlecht finden. Im Leben geht es darum, an sich selbst zu glauben, egal wann. Grenzen sind manchmal da, um diese zu überschreiten, und auch die schlechten Tage gehören dazu. Rechtfertige dich niemals für eine Entscheidung, bei der du dich wohl fühlst. Distanziere dich von negativen Menschen, mache dich selbst glücklich, ändere etwas an deinen Denkweisen/Einstellungen und wenn du etwas ändern möchtest, dann trau dich. Denn es wird der Tag kommen, an dem du dir wünschst, du hättest eher angefangen. Es kann alles von heute auf morgen vorbei sein, es kann aber genauso gut alles von heute auf morgen besser werden.
Glaube an dich selbst und das wichtigste: lache über dich selber. Mit Humor lässt es sich leichter leben. Das verspreche ich dir. 

Viel Spaß beim Lesen 

Was wäre, wenn…?

In den letzten Wochen und Monaten hatte ich sehr viel Zeit. Zeit, welche ich genutzt habe, um darüber nachzudenken, was alles passiert ist und was noch auf mich zukommen wird. Was wird die Zeit wohl mit sich bringen?
Jede Sekunde, in der wir atmen, nutzen wir Zeit.
Und ist sie nicht das Wertvollste, was wir besitzen? 

Vor allem aber habe ich über die Zeit an sich nachgedacht. Jede Sekunde, in der wir atmen, nutzen wir Zeit. Aber was ist es, Zeit zu haben? Hat man diese überhaupt? 

Keiner von uns weiß, wie viel Zeit er noch hat. Und trotzdem planen wir Wochen und Monate im Voraus, als wüssten wir es. Wir buchen unseren Urlaub für nächstes Jahr, wir rennen von einem Termin zum anderen, erledigen Dinge, die wir nicht wollen, aber müssen, und vergessen dabei völlig uns selbst. Wir verbringen so viel Zeit damit, auf Dinge zu warten, die vermutlich nie passieren werden. Unser halbes Leben warten wir auf Situationen. Wir warten auf das lange Wochenende, auf den Urlaub im nächsten Jahr oder auf bessere Tage. Und bei diesem ganzen Warten vergessen wir völlig die Zeit. 

Wir denken immer, dass wir so unendlich viel Zeit haben. Weil wir jung sind, weil der Terminplaner noch nicht voll ist oder weil das neue Jahr gerade erst angefangen hat.
Man hat solange Zeit, bis die Zeit einen einholt.
Auch ich habe mein Leben lang immer nur gewartet. Ich habe auf den passenden Moment gewartet, ohne zu realisieren, dass es diesen nie geben wird. Wir müssen ihn erst dazu machen.
Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Diagnose bekam.
Und ab da wusste ich, was jeder Mensch von uns nicht besitzt. Zeit.
Wir besitzen keine Zeit, sondern sie uns. Wir leben nicht unendlich, sondern nur zeitlich begrenzt und das nicht mal gewollt. Und genau so ist das Leben.
Wir haben keine Zeit und trotzdem verbringe ich meine mit diesem Tumor.
Was wäre, wenn ich diesen Tumor nicht bekommen hätte? Was wäre, wenn das Schlimmste, was passieren könnte, passiert? Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte? Was wäre, wenn alles gut geht? Was wäre, wenn es nicht klappt? Was wäre aber, wenn es klappt? Es gibt noch weitere, unzählig viele „Was-wäre-wenn“ Fragen. Theoretisch könnte ich mein ganzes Leben mit der Was-wäre-wenn-Frage in Frage stellen. Letzten Endes hat es aber keinen Sinn, sein Leben einem Was-wäre-wenn nachzutrauern. Denn dafür haben wir keine Zeit.
Alles passiert dann, wenn die Zeit gekommen ist, nicht, wenn du bereit bist. Wann du bereit bist, entscheidet die Zeit. Dass man aber selbst keine Zeit besitzt, merkt man erst, wenn sie einem genommen wurde. Man denkt sein ganzes Leben lang, man hätte sie im Griff. Man hätte sich selbst, seinen Terminkalender, sein Leben und seine Zeit im Griff. Dabei haben wir nichts dergleichen. Das wird einem aber erst bewusst, wenn das, wovon man dachte, man hätte es im Griff, verschwindet.

Es wird immer Situationen und Dinge geben, die du weder ändern noch rückgängig machen kannst. Also warum zerbrichst du dir über Fragen wie diese den Kopf? Es zählt nicht, was sein könnte. Es zählt das, was ist.

Ich habe es so satt, mein Leben danach zu leben. Ich muss irgendwann, wie alle anderen auch, sterben. Und bevor ich sterbe, möchte ich wenigstens gelebt haben. Denn sonst kann ich mir irgendwann die berühmte Was-wäre-Frage stellen, die dann wie folgt lauten würde: „Was wäre, wenn ich mich nicht immer „was-wäre-wenn“ gefragt hätte, sondern stattdessen einfach mal gelebt hätte?“
Wenn die Zeit vorbei ist, merken wir, dass sie nie angefangen hat, sondern immer nur aufhört. Du hast nicht angefangen, krank zu werden, du hast aufgehört, gesund zu sein. Du hast nicht angefangen, dein Leben zu planen, sondern aufgehört, planlos durch die Gegend zu laufen.
Zeiten werden sich immer ändern. Und genau das ist gut so. Wäre es nicht langweilig, wenn wir immer nur der gleichen Zeit ausgesetzt wären?

Aber was machen wir, wenn die Zeit sich nur noch ändert, alles anders wird und die Zeit uns all das nimmt, was wir so sehr gebraucht haben? Ich denke, darauf gibt es keine Antwort. Das Leben ist die meiste Zeit, welche wir je besitzen werden und wäre es nicht verschwendete Zeit, wenn wir diese Zeit nicht nutzen?

Es wird nie eine Rolle spielen, was sein könnte. Aber es wird immer eine Rolle spielen, was jetzt ist. Du kannst deine Entscheidungen in den meisten Fällen nicht mehr rückgängig machen. Aber du kannst aufhören, dir diese Frage zu stellen. Diese Frage regiert sonst irgendwann dein ganzes Leben.

Wir können die Zeit nicht ändern. Also ändert uns die Zeit. Die Zeit wird sich so lange ändern, bis wir verstanden haben, dass wir keine Zeit haben. Und dann wird es zu spät sein. Dann wird unsere Zeit vorbei sein und das einzige, was wir gemacht haben, war es, Zeit in Anspruch zu nehmen, welche wir gar nicht hatten. Das einzige, was wir unser ganzes Leben lang getan haben, war es, über die Zeit nachzudenken, die wir nicht haben.

Und jetzt stell dir mal vor, du fragst dich nicht mehr „Was wäre, wenn…?“

Was wäre dann?