Verein pro B64n zum Neubau der Straße

Gerd Beilmann, Vorsitzender des Vereins pro B64n, nahm kürzlich mit Bürgermeister Marco Diethelm am Arbeitskreis Verkehr teil. Eingeladen hatte Reinhold Sendker, MdB (Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur) aus Warendorf. Im Rahmen des Arbeitskreises informierte Dr. Fritz Jaeckel (Hauptgeschäftsführer der IHK Nord in Münster) über die hohe Bedeutung der B64n für die Wirtschaft und forderte vehement deren Bau.

Laut Dr. Jaeckel ermöglicht die B64n unseren heimischen Unternehmen eine schnelle und leistungsfähige verkehrliche Anbindung an das großräumige Autobahnnetz (A1 und A2). Die heutige B64 führt mit ihren Ortsdurchfahrten zu verlängerten Transportzeiten und damit zu einem deutlichen Standortnachteilfür die Wirtschaft in der Region. Staus und Umwege erhöhen die Logistikkosten der Unternehmen, wodurch Erweiterungsplanungen gehemmt werden. Mittel- bis langfristig sind auch Produktions(teil)-verlagerungen in verkehrlich besser angebundene Regionen/Standorte nicht ausgeschlossen!

Herr Beilmann, Sie engagieren sich mit Ihrem „Verein pro B64n“ für den Bau der B64n in Herzebrock-Clarholz. Wie stehen Sie zu diesen Aussagen?

Ich kann den Aussagen von Dr. Jaeckel nur zustimmen. Wir haben in unserer Gemeinde attraktive mittelständische Unternehmen, die viele Mitarbeiter beschäftigen. Um diese ortsnahen Arbeitsplätze langfristig zu sichern, ist es wichtig, unseren Unternehmen eine entsprechende Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Das fordert unsere heimische Wirtschaft seit Jahren. Die jüngsten Beispiele Amazon in Oelde (A2) oder Hermes im Airport-Park am FMO (A 1) zeigen, dass sich Unternehmen häufig entlang von leistungsfähigen Verkehrsachsen ansiedeln. Dies geschieht nicht nur vor dem Hintergrund, dass Verkehre reibungslos abgewickelt werden können, sondern auch damit eine gute Erreichbarkeit für die Mitarbeiter – Stichwort Fachkräftesicherung – gewährleistet ist.

Die Gegner des Projektes bemängeln den hohen Flächenverbrauch und die zu große Dimension der Straße. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Wir sollten uns nicht darüber streiten, ob die Straße nun 9 oder 15 Brückenbauwerke erfordert. Sicher beansprucht das Projekt einen entsprechenden Flächenverbrauch. Aber was ist die Alternative? Die hoch belastete Ortsdurchfahrt führt zu einer Trennung der Ortsbereiche auf beiden Seiten der Straße. Zudem sind die Anwohnerinnen/Anwohner einer starken Belastung durch Lärm, Erschütterungen, Feinstaub und Abgasen ausgesetzt. Meiner Meinung nach spielt aber auch der Sicherheitsaspekt für Fußgänger, Radfahrer und Schulkinder eine wichtige Rolle. Insbesondere der hohe Schwerlastanteil des Verkehrs auf der B64 führt zu einer ständigen Gefährdung. Unsere Gemeinde sichert die Schulwege unserer Kinder u. a. durch Einsatz kostenpflichtiger Schülerlotsen. Die vorgenannten Belastungen können durch den Bau der B64n als Ortsumgehung von Herzebrock-Clarholz deutlich reduziert werden.

Die letzten Verkehrszählungen zeigen, dass der Verkehr auf der B64 in den letzten Jahren nicht oder kaum zunimmt. Warum braucht man dann noch die B64n?

Die Werte der letzten Verkehrszählungen sind schlichtweg veraltet, sodass man diese nicht als Argumentationsgrundlage heranziehen sollte. In Kürze werden aktuelle Zahlen der neuesten Verkehrszählungen veröffentlicht. Ich bin davon überzeugt, dass der Verkehr in den letzten Jahren nicht abgenommen hat.

Ganz davon abgesehen, stellt die Ortsdurchfahrt der B64 auch ohne einen weiteren Verkehrsanstieg eine dauerhafte Belastung für Herzebrock-Clarholz dar. LKW und PKW weichen schon heute zunehmend auf Nebenstraßen unserer Gemeinde aus, die für dieses Verkehrsaufkommen nicht ausgelegt sind. Diese Verkehre werden entsprechend nicht auf der B64 gezählt/erfasst, sie finden aber trotzdem statt. Es entstehen zusätzliche Belastungen und Verkehrsgefährdungen, und unser Gemeindehaushalt wird durch hohe Instandhaltungskosten der gemeindeeigenen Straßen belastet. Sollten sich die Verkehrsprognosen in der Form verändern, dass für die Zukunft mit einer deutlichen Abnahme des PKW- und LKW-Verkehrs auf dieser Achse zu rechnen ist, würde die Planung in jedem Fall überprüft und – soweit erforderlich – angepasst werden müssen. Andernfalls würde die Planung einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten.

Was versprechen Sie sich persönlich von dem Projekt?

Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs. Vor Kurzem habe ich mit meiner Frau einen Fahrradurlaub in Belgien und den Niederlanden verbracht. Was mich dort begeistert hat, sind die sicheren und schönen Radwege, die sich auch in Ortszentren in bester Verfassung präsentierten. Fern- und Durchgangsverkehre werden durch Umgehungsstraßen komplett aus den Ortszentren verbannt und Radfahrer haben dort sogar Vorfahrt.

Mit dem Bau der B64n haben wir ganz andere Möglichkeiten die Mobilität in unseren Ortskernen zu entwickeln. Ich stelle mir z. B. eine Fahrradstraße auf der alten B64 zwischen Herzebrock und Clarholz vor. Man könnte die alte Trasse der Straße verkehrsberuhigen und unsere Schulwege so sicherer gestalten. Ebenso können dringend benötigter zusätzlicher Wohnraum  in unseren Ortskernen geschaffen, sowie eine neue Siedlungsentwicklung für Familien vorangetrieben werden.

Orte wie Rheda-Wiedenbrück, Rietberg und Sassenberg haben, nach Bau der Umgehungsstraßen, in ihren Ortskernen deutlich an Lebensqualität gewonnen. Dort ist ein Leben ohne Durchgangsverkehre gar nicht mehr vorstellbar. In der Stadt Verl fordern sogar Parteien, wie die Grünen, eine Umgehungsstraße für den Ort.

Mobilität braucht Infrastruktur, ob für Fahrten zur Arbeit, Schule, zu Freunden und Verwandten, Einkäufen oder in den Urlaub. Deshalb müssen wir zusätzlich unseren öffentlichen Nahverkehr ausbauen, preislich attraktiver machen und dort z. B. auch eine einfache Fahrradmitnahme möglich machen. Lassen Sie uns das Projekt B64n positiv begleiten und die Möglichkeiten der Mitgestaltung durch Straßen-NRW nutzen. Damit Herzebrock-Clarholz l(i)ebenswert bleibt.